EU Schriftwechsel

Petition an EU Kommissar karmenu Vella zur Rettung der Nutria_unterschreiben_IGA_Liste_stoppen_Nutria_rettenSchriftwechsel

Am 10. November schrieb ich an EU Kommissar Karmenu Vella. Ziel des Schreibens: Den für die EU IGA Kampagne politisch Verantwortlichen auf die massiven Unstimmigkeiten der EU-Neozoen-Politik aufmerksam zu machen und zu einem Moratorium sowie zum Entfernen der Nutria von der IGA Liste zu bewegen. Dem Schreiben waren zwei Kontakt-Versuche über Facebook vorausgegangen. Nachstehend folgen der Originaltext des Schreibens und die Antwort von Umwelt-Referatsleiter Stefan Leiner mit Datum vom 25. November als Original-Scan sowie meine Antwortmail darauf.

Initiales Schreiben an Karmenu Vella bzw. sein Büro, Jürgen Müller

Dear Sir, Sehr geehrter Herr Müller,

dem Namen nach denke ich, dass ich Ihnen auch deutsch schreiben darf, so verstehen wir uns leichter. Ist Ihnen aufgefallen, dass es in Deutschlands natur- und biosphärenkundlich gut informierten Kreisen breiten Unmut und massive wissenschaftliche Kritik an der durch Ihre Kommission verantworteten IGA Politik und der damit einhergehenden Liste gibt? Bitte informieren Sie sich unter www.nutriaktiv.de und sehen Sie sich auch einmal auf Facebook um.

Exemplarische Aktions- und Infoseiten: https://www.facebook.com/groups/537993703056845/ ; https://www.facebook.com/pronutria/

Sie sollten die mehrheitlich sehr sachkundige Kritik an dem Vorhaben auch nicht als nöliges Gemaule schlecht informierter Katzen- und Taubenmuttis abtun – die Schlechtinformiertheit und eine im Zeitalter der Globalisierung und des Klimawandels unzeitgemäße Sicht auf Arten-Migration und –Hybridisierung scheint mir doch auf Seiten Ihrer Kommission verortet. Bereits die deutsche Broschüre zum Thema spricht diesbezüglich Bände: http://nutriaktiv.de/iga_broschuere/

Leider. Aber Sie haben ja die Möglichkeit besser zu werden und Fehler zu korrigieren! Ich habe übrigens Ihrem Vorgesetzten Kommissar Karmenu Vella sehr freundlich über seinen Facebook-Account geschrieben, er hat aber nicht geantwortet. Für eine Mitarbeit an einer besseren Neozoen-Politik stehe ich Ihnen gemeinsam mit anderen Natur- und Ökologie-engagierten Stakeholdern gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Hoelkeskamp

Antwortschreiben Stefan Leiner, Leiter EU Umweltreferat Europäsische Kommission, Brüssel

Schreiben nutriaktiv vom 12.12.2016

Sehr geehrter Stefan Leiner!

Danke für Ihre Nachricht. Danke auch an EU Kommissar Karmenu Vella, dass er auf mein Schreiben vom 10. Nov. 2016 geantwortet hat. Ein solches Erwidern ist längst nicht selbstverständlich und verdient als höfliche Geste der Hervorhebung.

Trotzdem muss ich im natur- und umweltschützerischen Interesse auf argumentative Fehler in Ihrem Schreiben eingehen. Weil es sich bei Ihrem Brief um eine Reaktion auf eine per Webseite öffentlich gemachte Kritik handelt, spricht wohl auch nichts gegen eine Veröffentlichung. Interessierte können sich das Schreiben dann im Originalwortlaut ansehen und sich seine  eigene Meinung bilden.

Ich habe mir Ihren Brief, mit dem Sie sich zur Nutria-Engagement-Seite www.nutriaktiv.de äußern, mehrmals durchgelesen. Trotzdem finde ich kein einziges Wort zur Nutria und zu ihrer angeblichen Schädlichkeit.  Dieser Umstand ist insofern bemerkenswert, als Sie die Nutria mit Absatz 3, Zeile 3 Ihres Schreibens als IGA-Spezies in Sippenhaft nehmen und zu einer „der größten Bedrohungen“ der Biodiversität erklären.

Die Schädlichkeits-Behauptung ist für die Nutria und einige weitere gelistete IGA Kandidaten unzutreffend. Daran ändert auch nichts, dass Sie ohne weitere spezifische Einlassung einräumen, dass es „noch andere Bedrohungen für die Biodiversität“ gäbe.

Ich entnehme Ihren hinsichtlich Biodiversität und Naturschutz schmalen Ausführungen, dass Sie entweder kein Experte für Biodiversität sind oder kein so großes Interesse am fachlichen Diskurs haben. Dafür wissen Sie umso mehr über die EU-administrativen Prozesse und das mehrstufige, der aktuellen IGA Rechtslage zugrundeliegende Verfahren zu berichten. Unter http://nutriaktiv.de/iga_broschuere/ hatte ich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – bereits selbst Einblick in den EU-proprietären und EU-nahen Schriften- und Verfahrenskosmos gegeben:

invasive alien species / final report 2015    zusatzblatt risiko assessment 2016    mitteilung Face EU jägervereinigung     workshop protokoll 2014     original IAS liste nach EU verordnung 1143/2014     invasive alien species / report 2013    assessment dokumentation 2011    IGA report 2002 mehrere autoren 

Im Grundsatz werden Sie mir wahrscheinlich zustimmen, dass Resultate mehr zählen als ein unter dem Radar der Öffentlichkeit durchgeflogenes Verfahren. Demokratie kann immer nur so gut funktionieren wie die Demokraten! Es wirft kein gutes Licht auf das Europäische Parlament, den Rat und die angeblich besten IGA Experten (Seite2, Absatz 2,  Zeile 7 folgende), dass der überflüssig-überzogene Kommissions-Erlass erstens in dieser Form ausgearbeitet und zweitens trotz Mängeln nicht gestoppt wurde.

Der Nachweis eines aufwendigen und mutmaßlich kostspieligen Verfahrens besitzt keine Beweiskraft für ein hochqualitatives Ergebnis … wenn letzteres die an ein solches Ergebnis anzulegenden Kriterien nicht erfüllt und auch der kritischen Betrachtung anerkannter Fachleute (Biologe Josef Reichholf u. a.) nicht standhält.

Was haben Umwelt und Natur, und was haben die Ihre Kommission mandatierenden Menschen in Europa  mit der EU IGA Kampagne gewonnen? Es handelt sich trotz aller administrativ getriebenen Begründungen um eine rigoristische, tendenziell naturfeindliche Pseudo-Artenschutz-Maßnahme, die auf anachronistischen und teilweise schlicht falschen Annahmen und Ausgangspositionen beruht.

Sehen Sie z.B. Ihre Arbeitshypothese einer europaweit-durchgängigen Biosphäre. Dem IGA-Methodenansatz fehlt es an Differenziertheit, was das komplexe Zusammenspiel heterogener Umwelt- und Klimabedingungen und migrierter Arten anbelangt. In Südspanien haben wir z.B. quasi nordafrikanisches Wüstenklima, in Deutschland Rheinschiene, Alpen und Küste, in den Niederlanden eine dem Meer abgetrotzte Kunstlandschaft. Die spezifischen Probleme und Gestaltungsanforderungen dieser grundverschiedenen Landschafts- und Naturräume sind völlig unterschiedlich.

Abgesehen davon ist die rückwärtsgewandte Betrachtung der europäischen Biotop-Landschaft als museales Panoptikum einer ehemals typisch eruopäischen Natur für das Anthropozän ebenso unzeitgemäß wie unrealistisch. Wir sollten uns im Sinne einer dynamischen Betrachtung nicht darauf konzentrieren, anpassungsfähig-robuste Arten als nicht dazugehörig zu bekämpfen, sondern darauf, die nachhaltige Entwicklung möglichst vielfältig bevölkerter Naturräume zu fördern. Eine Nutria, die auch mal einen Maiskolben vom Acker aufklaubt, stellt kein wirkliches Problem dar. Eine agrarindustrielle Flächenbewirtschaftung und eine allgegenwärtige Boden-Versiegelung, die der Natur keinen Raum lassen will, sind ein Problem.

Zu guter Letzt will ich Ihnen meine Meinung zu der nachlässigen Broschüren-Realisierung mitgeben. Falsche Bilduntertitel und unfreiwillig komische Text-Bild Aussagen zu einer IGA Maßnahmen-Bebilderung sind nicht problematisch, weil Sie Verwirrung auslösten. Sie sind einfach falsch und geben einen greifbaren Hinweis auf mangelnde Sachkunde und fehlende Sorgfalt. Außerdem bringen sie zu der Annahme, dass es sich dabei nicht um einzelne Broschüren-Ausreißer sondern um ein symptomatisches Querschnittsdefizit handelt. Die Kommission hat die Broschüren-Fehler (Download-Version) übrigens selbst Monate später immer noch nicht korrigiert.

Verstehen Sie dieses Schreiben wie auch die auf der Webseite www.nutriaktiv.de erteilten Hinweise und Informationen bitte als konstruktiven Input im Sinne Ihres Vorschlags (vorletzter Absatz, Seite 2) „ Wir begrüßen jede konkreten, auf diese Arbeit bezogenen Fakten und Informationen.“

In diesem Sinne – mit freundlichen Grüßen

Matthias Hoelkeskamp

www.nutriaktiv.de